Die Spielzeit 2016/2017

Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren,
Vertrauen aufs Unmögliche, Unwahrscheinliche.
Johann Wolfgang von Goethe

Liebes Publikum!

1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen: ein Ereignis, dessen Auswirkungen auf Religion, aber zugleich auch auf Politik, Kultur und Gesellschaft von weltgeschichtlicher Bedeutung sein sollten. 500 Jahre Reformation: eine bis heute wirkende Revolution, nicht nur fur Gläubige. Was als Denkanstoß gedacht war und in einer „neuen“ Kirche endete, wurde von erbitterten Kämpfen begleitet und hinterließ tiefe Gräben. Damals wie heute ist die Überzeugung des einen ein Affront für den anderen. Damals wie heute vermag der Glaube an eine Sache Menschen zu mobilisieren und zu inspirieren, vermag aber auch ein Satz wie „Wir schaffen das“ ein Land, vielleicht sogar einen ganzen Kontinent zu spalten.

Was aber ist Glaube überhaupt? Darauf finden wir wohl so viele Antworten, wie es Menschen gibt. Schon die Herkunft des Wortes deutet auf eine Fülle von Interpretationsmöglichkeiten hin. Wahrend „Glaube“ sowohl im Indogermanischen als auch im Griechischen im weitesten Sinne auf Treue und Vertrauen verweist, und im Lateinischen und Altindischen immer der Bezug zum Herzen hergestellt wird, findet sich im Hebräischen die Bedeutung „Unerschütterlich Sein“.

Eines ist offensichtlich: Glaube ist immer eng verknüpft mit Hoffnung – sei es in religiösen oder weltlichen Fragen. Hoffnung auf Erfolg, Reichtum, Gesundheit, auf persönliches Glück oder gar auf Erlösung. Immer öfter werden dafür traditionelle Glaubensvorstellungen ad acta gelegt, nehmen neue ihren Platz ein und lassen uns, seien sie auch noch so mystisch und ausgefallen, Hoffnung auf ein besseres Leben schöpfen.
Doch wie viel sind wir bereit, für unsere Überzeugungen zu opfern – im positiven wie im negativen Sinne? Wann wird Glaube zu Fanatismus? Lange war unsere Gesellschaft nicht mehr so gespalten: in Arme und Reiche, in unterschiedlichste politische Lager und nicht zuletzt in religiöser Hinsicht. Wir sind eben nicht mehr „unerschütterlich“. Wir wissen nicht mehr, worauf wir vertrauen können oder sollten (vielleicht nicht einmal mehr auf uns selbst?).

Wir leben in einer Zeit, in der Demagogen und Intriganten Hochkonjunktur haben, in der sich mit Ideologien und Parolen – je scharfer desto besser – nicht nur Geld, sondern auch Macht und Mehrheiten erlangen lassen. Gerade in Zeiten großer Verunsicherung sind „Rattenfänger“ solcher Art für jede Gesellschaft extrem gefährlich. Sie nutzen die Enttäuschung, die Wut, die Ängste der Menschen und deren Hilflosigkeit für ihre meist höchst fragwürdigen Ziele aus. Dabei wissen wir doch: Keine menschliche Kultur ist sicher vor unmenschlichem Missbrauch!

Unter anderem diesen Mechanismen, die erfahrungsgemäß in unserer Gesellschaft periodisch immer wiederkehren, werden wir in der kommenden Spielzeit auf den Grund gehen: Welche Funktion hat Glaube heute, sei er religiöser Art oder säkularer? Welche Bedeutung hat er für einen dauerhaften Zusammenhalt oder sogar den Erhalt unserer Gesellschaft?

Und weil wir ohne eine Verständigung darüber, was die „Leitmoral“ unserer Gesellschaft sein soll, nicht auskommen, werden für uns Glaubenswerte wie Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit, Güte und Hilfsbereitschaft weiterhin eine große Rolle spielen.

Ihr
Christian Tombeil
Intendant

Teilen Sie Ihre Gedanken mit uns und anderen Besuchern dieser Seite in unserem Gästebuch.