Martina Clavadetscher gewinnt den Essener Autorenpreis 2016

Essen. Gewinnerin der diesjährigen Essener Autorentage „Stück auf!“ ist die Schweizer Autorin Martina Clavadetscher. Mit ihrem Stück „Umständliche Rettung“ setzte sie sich beim achtstündigen „Stück auf!“-Marathon am Samstag, dem 5. März in der Casa des Schauspiel Essen gegen sieben weitere Finalisten durch. Bei allen, in szenischen Lesungen präsentierten Stücken stand das Thema „Glaube“ im Mittelpunkt; von den insgesamt 128 eingereichten Texten hatten es acht in die Endausscheidung geschafft.
Neben dem mit 5.000 Euro dotierten Autorenpreis der Stadt Essen, der von der Kulturstiftung der Stadt Essen sowie der Sparkasse Essen gefördert wird, kann sich Clavadetscher zudem über die Uraufführung ihres Stückes in der kommenden Spielzeit 2016/2017 am Schauspiel Essen freuen: Die Premiere wird am 28. April 2017 in der Casa sein.

In der Begründung der fünfköpfigen Jury, die aus dem Kulturjournalisten und Theaterkritiker Stefan Keim, dem Autor und Regisseur Jan Neumann, dem Theaterverleger Tobias Philippen (schaefersphilippen), der Regisseurin Christiane Pohle sowie der Essener Chefdramaturgin und stellvertretenden Intendantin Vera Ring bestand, heißt es:
„Umständliche Rettung“ ist eine mythische, merkwürdige Geschichte. Martina Clavadetscher erzählt auf der Basis biblischer Motive von einer nahen Apokalypse, vom Verlangen nach Erlösung, Rettung und Gerechtigkeit. Der Text hat Gefühl, Humor und Momente großer poetischer Schönheit und Widerständigkeit. Sie spielt lustvoll mit der Chronologie, macht das Erzählen selbst zum Thema und schafft einen ganz eigenen Zauber.

Im Stück geht es um die deutsche Wissenschaftlerin Yamila Bach, die zu Forschungszwecken in ein Krisengebiet westlich des Jordans reist. Doch in Sodiriya geschehen skurrile Dinge. Nach etlichen unfreiwilligen Begegnungen mit einem Mann namens El-Arad hat sich die Biologin einer intensiven Befragung durch einen Untersuchungsrichter zu stellen: Ein Feuer soll die konsumfreudige Stadt zerstören – und ausgerechnet Yamila besitze Informationen darüber. Langsam wird jedoch deutlich, weswegen die Wissenschaftlerin tatsächlich denunziert wurde. Die gläubige Stadtbewohnerin Baganja hält Yamila für ihren rettenden Engel – ganz nach den Überlieferungen von Lots Erettung und dem Untergang von Sodom und Gomorra. Doch Yamila glaubt nicht an Engel. Überhaupt scheint sehr fragwürdig, wer hier ein Recht auf Rettung hat.

Nach Hartmut Musewald (2012), Katja Wachter (2013) und Henriette Dushe (2014) ist Martina Clavadetscher die vierte Essener Autorenpreisträgerin.

Clavadetscher, geboren 1979, studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie an der Universität Fribourg (CH). 2006 fand am Luzerner Theater die Uraufführung ihres ersten Theaterstückes „Drei Frauen“ statt (Regie: Sophie Stierle). Darauf folgten ein Stipendium-Aufenthalt in Berlin (2007/2008) und die Uraufführung ihres Stückes „Gemeinsam“ 2009 am Schauspielhaus Hamburg. Im April 2013 wurde im Südpol Luzern Clavadetschers Stück „Deliver My Heart!“ uraufgeführt. Im März 2014 erschien ihr Prosadebüt „Sammler“, womit sie zum „Auftritt Schweiz“ an die Leipziger Buchmesse 2014 eingeladen wurde. Für die Spielzeit 2013/2014 war sie Hausautorin des Luzerner Theaters, wofür sie „My only friend, the end“, ein Stück über Jugendsuizid, schrieb. „My only friend, the end“ wurde 2014 in der Juniausgabe von „Theater der Zeit“ abgedruckt. Im Januar 2015 inszenierte Marc Wortel ihren Monolog „Milchdieb“ am Luzerner Theater.

Den vom Freundeskreis Theater und Philharmonie Essen e.V. ausgelobten Publikumspreis in Höhe von 1.000 Euro gewann der in Hamburg lebende Autor Jürgen Neff für sein Stück „Freier Wille?“. Neben der „offiziellen“ Jury gab es in diesem Jahr auch wieder die Theaterlabor-Jury, die 500 Euro vergeben durfte: Die acht jungen Jurymitglieder zwischen 12 und 24 Jahren kürten das Stück „Wir trauern um Bonn Park“ des Berliners Bonn Park zu ihrem Sieger.

Die Autorentage „Stück auf!“ entstanden in Kooperation mit der Bühnenbildklasse der Kunstakademie Düsseldorf unter der Leitung von Prof. Johannes Schütz und wurden gefördert von der Kulturstiftung Essen, der Stadt Essen, der Sparkasse Essen und dem Freundeskreis Theater und Philharmonie Essen e.V.