REDEN VON MORGEN

Vortrags- und Diskussionsreihe in Kooperation mit der Volkshochschule Essen

Das Schauspiel Essen präsentiert in Kooperation mit der Volkshochschule Essen „REDEN VON MORGEN“. Im Rahmen dieser Vortrags- und Diskussionsreihe laden wir Wissenschaftler/innen, Politiker/innen, Philosophen/Philosophinnen, Theologen/Theologinnen, Trendforscher/innen und weitere interessante Redner/innen ein, um ihre Ideen von morgen, ihre Visionen und Theorien vorzustellen. Die Gastredner/innen greifen in Anlehnung an den Spielplan des Schauspiel Essen und das Semesterprogramm der Volkshochschule aktuelle Themen und Problematiken zunächst in einem Vortrag auf, um dann gemeinsam mit dem Publikum über Status quo, Veränderungen und Perspektiven zu diskutieren.

Wir fragen nach dem, was ist und was sein wird, was zu hoffen und zu fürchten ist, was es zu verhindern gilt und wie es voran geht. Wie sieht das titelgebende „Morgen“ aus? Was wird und was muss sich ändern? Bewegt sich überhaupt etwas, und wenn, in welche Richtung? – All das ist Thema der Veranstaltungsreihe.

REDEN VON MORGEN“ findet sonntags abwechselnd in der Volkshochschule und im Café Central statt. Der Eintritt ist frei!

 

Die Termine in der Spielzeit 2015/2016:

Sonntag, 27. September 2015, 11:00 – 13:00 Uhr, Volkshochschule Essen, Großer Saal

Lamya Kaddor:

Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen

In Zusammenarbeit mit der Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Essen (AWO) und dem EDIC Essen

»Wir sehen uns im Paradies«, schrieben die fünfzehnjährige Sabina und ihre Freundin Samra an ihre Eltern, bevor sie spurlos nach Syrien verschwanden. Ahmed C. ist in Ennepetal geboren und liebte Fußball – bevor er sich als Selbstmordattentäter in Bagdad in die Luft sprengte. Über fünfhundertfünfzig deutsche Dschihadisten, der jüngste von ihnen dreizehn Jahre alt, sind bislang in Richtung Kriegsgebiet ausgereist. Vor allem in den Reihen der brutalen Terrormiliz IS wollen sie als »Gotteskrieger« dienen, während ihre Freunde in Deutschland einen Schulabschluss machen. Lamya Kaddor berichtet von einer orientierungslosen Generation und erklärt, was wir tun müssen, um die Radikalisierung unserer Kinder zu stoppen. Inwieweit auch Essener Jugendliche der Dschihad-Romantik verfallen sind, wird im Gespräch mit dem AWO-Experten Thomas Rüth vom Essener Netzwerk gegen Salafismus thematisiert werden.

Lamya Kaddor ist islamische Religionslehrerin und Islamwissenschaftlerin. Sie kennt persönlich mehrere junge Menschen, die sich auf der Suche nach Anerkennung und Akzeptanz von der deutschen Gesellschaft abwandten, und hat darüber das in vielen Zeitungen, im Radio und im Fernsehen besprochene Buch „Zum Töten bereit“ geschrieben.

 

Sonntag, 25. Oktober 2015, 11:00 – 13:00 Uhr, Schauspiel Essen, Café Central

Prof. Dr. Stefan Selke:

Lifelogging und unser Leben mit Daten – Streifzüge durch die Welt der Selbstvermessung

Erzählt wird von der „schönen neuen Welt der Digitalisierung“ – nicht ohne zahlreiche Versprechungen zu hinterfragen. Digitale Selbstvermessung reicht von Gesundheitsmonitoring bis hin zu digitalen Gedächtnissen. Von Fitnesslogging über Sleep-, Mood- und Sexlogging bis hin zu Worklogging am Arbeitsplatz. In Zukunft werden wir also fundamentale Umbrüche erleben. Fragen nach Chancen und Risiken dieser Techniken sind offen. Im Kern geht es aber letztlich um das zukünftige Organisationsprinzip des Sozialen. Brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag oder ist das Lob der Unberechenbarkeit die einzige Alternative?

Prof. Dr. Stefan Selke ist Autor des Buches „Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert“. Als Soziologe mit dem Lehrgebiet „Gesellschaftlicher Wandel“ an der Hochschule Furtwangen beschäftigt er sich mit schleichenden Veränderungen von Alltag und Gesellschaft.

 

Sonntag, 29. November 2015, 11:00 – 13:00 Uhr, Volkshochschule Essen, Großer Saal

Prof. Dr. Bernhard Horsthemke:

Gendiagnostik und Gentherapie – Chancen, Risiken und Perspektiven

Das menschliche Genom umfasst ca. 25.000 verschiedene Gene. Jeder von uns trägt mehrere Mutationen (Veränderungen im Erbgut), die sich auf unser Leben oder das Leben unserer Nachkommen auswirken. Mutationen können heutzutage schnell und sicher identifiziert werden. Allerdings gibt es nur für wenige genetische Erkrankungen eine wirksame Therapie. Der Nachweis einer Mutation für eine nicht heilbare Erkrankung wirft schwierige ethische Fragen auf, insbesondere wenn ungeborenes Leben betroffen ist oder die Erkrankung erst im späteren Leben auftritt. Ein Ausweg könnte die Gentherapie sein. Mit der Gentherapie ist der Mensch zum ersten Mal in der Lage, seine eigene Natur zu verändern. Wie der Mensch mit dieser Entwicklung umgeht, ist von zentraler Bedeutung für die Zukunft seiner Art.

Prof. Bernhard Horsthemke leitet den Lehrstuhl für Humangenetik am Universitätsklinikum Essen. Sein Forschungsschwerpunkt sind genetische und epigenetische Veränderungen bei komplexen genetischen Syndromen des Menschen. Er ist Träger des Wissenschaftspreises der Europäischen Gesellschaft für Humangenetik und gewähltes Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften „Leopoldina“.

 

Sonntag, 13. Dezember 2015, 11:00 – 13:00 Uhr, Schauspiel Essen, Café Central

Dr. Stefan Lorenz Sorgner:

Hirnschrittmacher für alle! Ist der Transhumanismus die gefährlichste Idee der Welt?

Der Transhumanismus ist eine kulturelle Bewegung, die den Gebrauch von Technologien zur Selbstoptimierung explizit bejaht. Der US-amerikanische Intellektuelle Francis Fukuyama hat den Transhumanismus als gefährlichste Idee der Welt bezeichnet. Transhumanisten unterrichten an den wichtigsten Universitäten der Welt (Oxford, Yale, MIT), sind Berater großer weltweiter Unternehmen (GOOGLE) und haben sich inzwischen weltweit zu transhumanistischen Parteien vereinigt, um auf diese Weise politisch an Einfluss zu gewinnen. Es ist daher an der Zeit, dass dieser kulturellen und philosophischen Bewegung auch in Deutschland eine größere Aufmerksamkeit zukommt. In seinem Vortrag gibt Dr. Stefan Lorenz Sorgner eine Einführung in den Transhumanismus und erläutert die zwölf zentralen Pfeiler seines eigenen Nietzscheanischen Transhumanismus.

Dr. Stefan Lorenz Sorgner ist Direktor und Mitbegründer des Beyond Humanism Network und Fellow am Institute for Ethics and Emerging Technologies (IEET). Seine Hauptarbeitsgebiete sind Nietzsche, Musikphilosophie, Bioethik und der Meta-, Postund Transhumanismus. Er ist Herausgeber mehrerer Bücher und gemäß Prof. Dr. Zimmmermann von der Identity Foundation „Deutschlands führender post- und transhumanistischer Philosoph“.

 

Sonntag, 24. Januar 2016, 11:00 – 13:00 Uhr, Volkshochschule Essen, Großer Saal

Raphael Fellmer:

Geldfreie Welt? Von der Utopie zur Praxis

Nicht zuletzt durch die Finanz- und Bankenkrisen der letzten Jahre entwickelt sich bei vielen Menschen das Gefühl, dass Geld in unserem Wirtschaftssystem nicht mehr nur Tauschmittel für eine optimale Güterverteilung ist, sondern sich zum Hauptzweck einer im Wortsinn großkapitalistischen Wirtschaftsweise entwickelt hat. Doch immer mehr Menschen widersetzen sich dieser Logik: Raphael Fellmer lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern seit 2010 im Konsumstreik, um mehr Bewusstsein für die Verantwortung zu schaffen, die wir alle für Hunger, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung tragen. Er initiierte 2012 das Projekt der Lebensmittelretter, das mittlerweile mit foodsharing fusioniert ist. 8.000 Foodsaver haben seither 1,8 Millionen Kilogramm unverkäufliche Lebensmittel gerettet und verteilt. Seine Rede inspiriert zu geldfreierem Leben.

Raphael Fellmer ist durch seine Vorträge, Medienauftritte und sein Engagement bei foodsharing auch über die deutschsprachigen Grenzen hinaus zu einer medialen Instanz für die Kultur des Teilens gegen Verschwendung und Überfluss geworden. Derzeit plant er die Gründung des möglichst geldfreien und veganen Ökodorfes Eotopia. Sein Buch „Glücklich ohne Geld!“ kann auch kostenlos unter www.raphaelfellmer.de heruntergeladen werden.

 

Sonntag, 14. Februar 2016, 11:00 – 13:00 Uhr, Schauspiel Essen, Café Central

Matthias Becker:

Von Gesundheitsberatern und Vorbeugungsverweigerern. Risiken und Nebenwirkungen der gesundheitlichen Prävention

„Eine Solidargemeinschaft funktioniert nur, wenn jeder einzelne tut, was er tun kann, um gesund zu bleiben“, erklärte jüngst ein Bundesgesundheitsminister und legte den Finger in die Wunde: Tun wir denn wirklich schon genug? Wir sollten doch nicht rauchen! Bewusster essen und uns mehr bewegen. Yoga oder so was machen.
So redet die staatlich moderierte Gesundheitsvorbeugung mit der fragwürdigen Parole „Vorbeugen ist besser“ der Bevölkerung ins Gewissen, durchaus mit Erfolg: Nie zuvor trieben die Deutschen so viel Sport wie heute. Noch nie gaben sie (und ihre Krankenkassen) so viel Geld für präventive Maßnahmen aus. Andererseits wurden noch nie in der bundesdeutschen Geschichte so viele Medikamente eingenommen. Ernährungsberater berichten unterdessen von einem neuen Störungsbild: der Orthorexie, dem Zwang, sich gesund zu ernähren.
Kurz, je gesünder die Menschen sein wollen, umso kranker fühlen sie sich. Nur oberflächlich betrachtet ist das ein Widerspruch, weil die Frage der Gesundheit immer weiter ins Zentrum des Alltagslebens rückt. Ob mangelnde Leistungsfähigkeit, Nervosität, sexuelle Frustration, Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, selbst der Alterungsprozess – immer mehr Leiden werden als Krankheiten aufgefasst, die mit biomedizinischen Begriffen zu fassen und mit geeigneten Methoden zu bekämpfen seien. Der Umgang mit Körper und Psyche wird zunehmend professionell. Historiker nennen das Мedikalisierung.
Angetrieben wird diese Entwicklung von Sozialstaat und der medizinischen und therapeutischen Industrie, deren Versprechen die Bevölkerung allerdings nur zu gerne glauben mag: Versprechen von Kontrolle und Sicherheit über den eigenen Körper und das eigene Leben. „Unmündigkeit erweist sich als das Unvermögen, sich selbst zu erhalten“, heißt es bei Adorno und Horkheimer. Das Urteil über den Unmündigen lautet: gesellschaftlicher Tod. Also doch lieber rein ins Fitness-Studio? Matthias Becker versucht zu erklären, wie Gesundheit zum common sense und Staatsziel wurde.

Matthias Martin Becker, Jahrgang 1971, arbeitet als Journalist und lebt sogar davon. 2010 erschien sein Buch „Datenschatten – Auf dem Weg in die Überwachungsgesellschaft“, 2014 „Mythos Vorbeugung – Warum Gesundheit sich nicht verordnen lässt und Ungleichheit krank macht“.

 

Sonntag, 6. März 2016, 11:00 – 13:00 Uhr, Volkshochschule Essen, Großer Saal

Hilal Sezgin:

Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere

Wir essen nicht nur Tiere. Wir quälen sie, töten sie, halten sie in Gefangenschaft, ängstigen sie, ziehen unseren Nutzen aus ihnen. Dies geschieht im Dienste der Grundlagenforschung, der Tradition und auch der Bequemlichkeit. Wir testen Arzneimittel an ihnen, Lebensmittelzusatzstoffe, Kosmetika und Putzmittel. All das wissen wir im Prinzip und ziehen erstaunlich wenig Konsequenzen daraus. Wenn die Schlachthäuser Glaswände hätten, wären alle Menschen Vegetarier, formulierte Paul McCartney. Wenn Ställe Glaswände hätten, wären alle Menschen Veganer, ergänzt Sezgin.

In ihrem Vortrag geht Hilal Sezgin der Frage nach, ob wir Tiere im medizinischen Interesse „nutzen“ und ob wir sie einsperren, töten und essen dürfen. In der Auseinandersetzung mit anderen (tier-)ethischen Positionen plädiert sie dafür, Tiere als Individuen mit eigenen Rechten anzuerkennen. Am Ende dieser engagierten Tierethik steht die Vision eines friedlichen Zusammenlebens von Menschen und Tieren.

Hilal Sezgin, geboren 1970, studierte Philosophie in Frankfurt am Main. Seit 2007 lebt sie als freie Schriftstellerin und Journalistin in der Lüneburger Heide, wo sie auch einen Gnadenhof für Tiere betreibt. Ihre publizistischen Themen sind hauptsächlich Tierethik und Tierrechte, Feminismus, Philosophie und Islam, Islamfeindlichkeit und Multikulti.

 

Sonntag, 17. April 2016, 11:00 – 13:00 Uhr, Volkshochschule Essen, Großer Saal

Thomas Jorberg:

Das Ende von Banken wie wir sie kannten

Banken müssen sich neu erfinden: Ihre gesellschaftliche Akzeptanz ging im Zuge der internationalen Finanz- und Bankenkrise verloren, die anhaltenden Niedrigzinsen erfordern ein neues Geschäftsmodell, die europäische Regulierung lässt kaum mehr Raum für unternehmerische Entwicklung und gleichzeitig stärkt die Digitalisierung neue Finanztechnologien. Die Frage der Zukunft wird nicht mehr vorrangig die nach der höchsten Rendite sein, sondern: Wo wird mein Geld überhaupt noch gebraucht? Wo stiftet es Sinn? Wie finanzieren wir die Energiewende, die Agrarwende, die Mobilitätswende? Wie wird unsere Gesellschaft insgesamt sozialer und ökologischer? Antworten gibt der Vorstandsvorsitzende der renommierten GLS Bank, der in seiner Rede den Blick auf eine ressourcenschonende Zukunft des Bankensektors richten wird. Die GLS Bank wurde 1974 als Genossenschaftsbank gegründet und vergibt gemäß ihrer sozial-ökologischen Unternehmensphilosophie Kredite in den Bereichen Energie, Wohnen, Ernährung, Bildung und Gesundheit.

Thomas Jorberg ist studierter Wirtschaftswissenschaftler und seit 1986 bei der GLS Bank tätig, seit 1993 Vorstand und seit 2003 Vorstandssprecher. Er ist u.a. Aufsichtsrat der Elektrizitätswerke Schönau. 2010 wurde er mit dem B.A.U.M. Umweltpreis für einen werteorientierten Umgang mit Geld ausgezeichnet. Im Jahr 2011 erhielt er zudem den Deutschen Fairness Preis.

 

Sonntag, 22. Mai 2016, 11:00 – 13:00 Uhr, Schauspiel Essen, Café Central

Prof. Dr. Oliver Zöllner:

Digitale Ethik: Besser leben mit dem Internet?!

In diesem Vortrag soll ein neueres Feld der Medienethik vorgestellt werden. Die Digitale Ethik fragt danach, wie der Mensch in der zunehmend digitalisierten Gesellschaft die Medien selbstbestimmt und reflektiert einsetzen kann. Viele Angebote der schönen neuen Medienwelt bieten uns Bequemlichkeit (Online-Shopping), neue Informationsquellen (Suchmaschinen, Blogs) oder Austausch und Selbstdarstellung (soziale Online-Netzwerke). Vieles, was im Internet nützlich ist und Spaß macht, ist im Kern ein Geschäftsmodell – und die Währung ist der Nutzer mit all seinen freigiebig überlassenen Daten. Der „gläserne Mensch“ wird mehr und mehr Realität. Der Druck, alles zu bewerten und messbar zu machen, lässt das ökonomische Leitmotiv des Wettbewerbs in viele Lebensbereiche eindringen. Andere problematische Aspekte der mediatisierten Gesellschaft sind zudem vielfältige verletzende Kommunikationsformen im Internet. Der Vortrag will Lösungsansätze aus medienethischer Sicht vorstellen und mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutieren, wie man die digitalen Medien für ein gelingendes Leben einsetzen kann.

Prof. Dr. Oliver Zöllner lehrt seit 2006 Medienforschung und Digitale Ethik an der Hochschule der Medien in Stuttgart und leitet dort das Institut für Digitale Ethik (IDE). Studium in Bochum, Wien und Salzburg. Vor seiner Berufung arbeitete er als Medienforscher beim Südwestfunk in Baden-Baden und bei der Deutschen Welle in Köln/Bonn.

Diese Veranstaltung ist Teil des 1. Essener Wissenschaftssommers.

 

Gefördert durch Europe Direct Essen und die Europäische Kommission.

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