Pressestimmen
Enorm kurzweilige und pointierte Inszenierung
Hermann Schmidt-Rahmer zielt im Schauspiel Essen auf die Gegenwart.
(…) [Das Theater] distanziert sich vom Aktivismus, zeigt Wutbürgerdämmerungen, ruft auf zum genaueren Hinsehen. Essen (…) erlang[t] politische Relevanz auf hohem spielerischem Niveau.
Die Deutsche Bühne vom 25. Oktober 2011
Geschlossene Ensembleleistung
Fünf Jahre ist Jelineks schillerndes Zitate-Puzzle aus RAF-Geschichte und Schiller-Drama, aus Aust-Aufzeichnung und Ensslin-Kassiber, aus Marx-statt-Markt und Prada-Meinhof-groß-in-Mode alt. Und in Zeiten von Banken-Protest und Auto-Brennsätzen vielleicht aktueller denn je. Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer inszeniert “Ulrike Maria Stuart” in Essen trotzdem ohne vordergründige Provokation und spektakelnde Regiemätzchen, mit sechs gut aufgelegten Akteuren im aufrechten Kampf gegen die Macht des Kapitals und Jelineksche Sprachlawinen.
Bettina Schmidt und Silvia Weiskopf überzeugen als Terrorqueens Ensslin und Meinhof im Dialog mit ihren historischen Alter egos Elisabeth und Maria Stuart, sprachlich souverän und konzentriert bis zum großen, fast halbstündigen Abschlussdialog. Christian Kerepeszkis Andreas Baader ist ein. Draufgänger mit XXL-Charisma und -Klappe, Sven Seeburg bilanziert als satanischer Engel persönliches und politisches Scheitern, während Stefan Diekmann revolutionäre Allerweltsfloskeln in einen Eimer kotzt.
“Ulrike Maria Stuart” ist kein “Baader-Meinhof-Komplex” für die Bühne, sondern ein Strom von Zitaten, Anspielungen, Assoziationen und Konnotationen. Ist RAF-Geschichte und Kommentar in einem, ist mal komisch-absurde Horrorshow und mal konkrete Publikumsansprache.
Langer jubelnder Applaus für eine geschlossene Ensembleleistung.
WAZ/NRZ vom 24. Oktober 2011
Überzeugende Inszenierung und wunderbares Ensemble.
Munter mischt der Regisseur Passagen aus dem knapp 100-seitigen Textkonvolut mit seinen stimmigen Einfällen, ohne das der Jelinek-Sound verloren geht. Im Wörterstrom variieren die einsatzfreudigen Mimen nicht den für die Autorin typischen Humor, wohl aber textgetreu den Faden.
Ruhr Nachrichten vom 25. Oktober 2011
Ein großer, einhelliger Erfolg
Die interessantere [Frage], und die hat Hermann Schmidt-Rahmer auch sehr in den Mittelpunkt gestellt in dieser Inszenierung, ist die Frage “Anti-Kapitalismus”, die natürlich von Elfriede Jelinek immer wieder mitdiskutiert wird. Es war eine linke Revolte gegen die Banken, gegen die Besitzenden. Und so was hat natürlich eine tolle Aktualität heute.
Hermann Schmidt-Rahmer hat eine weite Strecke des Abends (…) als eine Show-Veranstaltung, als einen sehr direkten Dialog zwischen Bühne und Publikum inszeniert. Es gibt auch aktuelle – dazu improvisierte – in den Text hineingebrachte Szenen, in denen solche aktuellen Themen, wie zum Beispiel “der Wutbürger”, eine Rolle spielen. Und die berühmte kleine Schrift “Empört euch” von Stéphane Hessell. Da werden dann ganz aktuelle Zeitungsartikel vorgetragen. Der Saal wird so richtig aufgemischt, aufgeputscht. Das Ensemble, das mir insgesamt sehr gut gefallen hat, wird dabei angeführt von Stefan Diekmann, der eine ganz unwahrscheinliche Energie und Präsenz da hineinbringt.
WDR, Mosaik vom 22. Oktober 2011
Wutbürgerei ist ein aussichtsloses Unterfangen
Hermann Schmidt-Rahmer spinnt Jelineks assoziatives Netz aus Diskursfeldern weiter. Er lässt Sven Seeburg mit €uropa-Emblem auf dem Anzugrücken (Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch) den “new left idea award” aushauchen, die Souffleuse in Geiselhaft nehmen (wenn es sonst keine Feinde gibt), Stefan Diekmann einen Film mit dem Titel “Gudrun oder was ziehen wir an, wenn wir Kaufhäuser anzünden” drehen und Silvia Weiskopf die Bühnenarbeiter um Rebellion anflehen. Die Protestler von heute erobern sich ein Stammheim als Kletterwand, Guerilla-Climbing sozusagen. Mal karikiert er, mal banalisiert er, klatscht dem Publikum die Phrasen wie populistische Demoplakate ins Gesicht.
www.nachtkritik.de vom 22. Oktober 2011
Starker Gesamteindruck
Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer findet eine witzige, originelle Balance zwischen Show und Diskurs, privaten Wünschen und politischem Handeln. Geschickt ergänzt er den 2005 entstandenen grüblerisch-resignativ-satirischen Text mit aktuellen Anspielungen auf Wutbürger, Stuttgart21 oder Satire auf die Wirtschaft.
WDR, Scala vom 31. Oktober 2011
Hochaktueller und sinnlich geformter Theaterabend
Gibt es über die RAF, ihre Ziele und ihre Methoden noch etwas zu sagen? Muss es, falls doch, auf der Theaterbühne sein? Unbedingt, wenn es nach Art der Elfriede Jelinek geschieht! […] Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer begreift diese Textmassen als das, was sie sind – eine verschwenderisch reiche Vorlage mit eingewobener Ermutigung zur Wahl einer eigenen Lesart. Seine Spielfassung ist ein straff gekürzter, behutsam aufgebrochener, mit klug eingespeisten Verweisen auf Gegenwärtiges wie “Stuttgart 21” und “Occupy Wallstreet” angereicherter Text. […] In zwei pausenlosen Theaterstunden schafft es diese dichte Inszenierung unzählige Momente des Betroffen-, des Verstört- und des Ertapptseins zu produzieren. Das durchweg großartige Ensemble – stellvertretend seien genannt Silvia Weiskopf als Gudrun Ensslin und Bettina Schmidt als Ulrike Meinhof – ist die Energiequelle des Abends. Frei von Pathos, authentisch und geläufig ist der Ton, leidenschaftlich und virtuos ist das Spiel. ,So gelingt das seltene Kunststück, aus einem verkopft Rückschau haltenden Wortberg einen hochaktuellen und sinnlich geformten Theaterabend herauszumeißeln. Mehr zu erwarten wäre eine zum Scheitern verurteilte Utopie!
Recklinghäuser Zeitung vom 24. Oktober 2011
Tolles Ensemble
Einen satirischen Zugang zu Elfriede Jelinek erleben gerade die Besucher des Essener Schauspiels. Der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer scheint sich in den Kreis der Jelinek-Experten einzureihen. Für seine Düsseldorfer Inszenierung von “Rechnitz” war er für den deutschen Theaterpreis Faust nominiert. Nun zeigt er in Essen “Ulrike Maria Stuart”, eine Verknüpfung von Schillers Drama “Maria Stuart” mit der Geschichte Ulrike Meinhofs und der RAF. (..) Genüsslich spielt das tolle Ensemble (…) in einer kurzweiligen, enorm unterhaltsamen Inszenierung. Die auch die Wutbürger von heute aufs Korn nimmt und als Spießer entlarvt. (…) Eine Wutbürgerdämmerung, Elfriede Jelineks einige Jahre altes Stück wird sinnvoll in die Gegenwart weitergedacht.
Welt am Sonntag vom 27. November 2011
Ideenreiche Inszenierung
Die Botschaft ist deutlich: Das hier ist nicht bloß Spiel, das geht Euch alle was an!
Und nicht nur die Inszenierung wird immer wieder aufgebrochen, auch die Jelinek-typischen, endlosen Wortketten und Sprachverstrickungen werden den Zuschauern nur in kleinen Dosen zugemutet. Dazwischen bewegt sich Hermann Schmidt-Rahmers Version des Stücks immer wieder vom Originaltext weg und findet eigene Formen der Darstellung. Seine Interpretation des “Königinnen Dramas” wird so nicht zu einer erdrückenden Moralpredigt, sondern begegnet der aktuellen politischen Ohnmacht mit Humor. (…)
Die ideenreiche Inszenierung wird vor allem auch durch das erstklassige Schauspiel-Ensemble getragen, das hier sein ganzes Können, von ausdrucksstarken Dialogen, bis zu selbstironischen, komischen Szenen, beweist.
Besonders die beiden Hauptdarstellerinnen Silvia Weiskopf und Bettina Schmidt können im dritten und letzten Akt des Stücks brillieren: Denn ab hier ist Schluss mit lustig.
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