ICH WIDERSTAND

Kurz bevor in den frühen Morgenstunden des 1. Oktober 2010 in Stuttgart die ersten Bäume gefällt wurden, blühte sie wieder auf: eine seit den 80er Jahren fast in Vergessenheit geratene deutsche Protestkultur. Und vereinte Bürger aller Schichten und Generationen im gemeinsamen Engagement gegen die sachzwangdiktierten Beschlüsse “der da oben”.

Nicht nur in Stuttgart, auch in Gorleben und Hamburg: Bewaffnet mit Trillerpfeifen, Topfdeckeln, Kochlöffeln und Protest-Accessoires aller Art ging man vielerorts auf die Straße. Deutschland positionierte sich. Und zwar dagegen. Es war kein Zufall, dass die Demonstrationen jener Tage durchaus theatralische Züge zeigten, hatte sich doch u. a. mit Regisseur Volker Lösch ein Spezialist für theatralen Ungehorsam in der Stuttgart 21- Debatte, aber auch in der um die skandalöse Hamburger Kulturpolitik, auf die Seite der Demonstranten gestellt. Viele Aktionen des zivilen Protests waren so geradezu zwangsläufig von einer ungeheuren Theatralität: “musikalisch und stimmungsvoll geradezu in ihren friedlichen Momenten, schäumend antikisch in ihren heftigsten Phasen” (DIE ZEIT).

Sollte der deutsche Wähler tatsächlich endlich seine Politikverdrossenheit abgelegt haben? Froh unterstellte man dem in politischen Belangen bis dato eher schläfrig wirkenden deutschen Wähler ein neues gesellschaftliches Sendungsbewusstsein. Der “Wutbürger” war geboren. Doch am Image des neuen deutschen Protestwunders wurde schon bald gekratzt, denn immer lauter stellte sich die Frage nach der Nachhaltigkeit des bürgerlichen Engagements: Eigentlich, so kritisierten die Medien, die den “Wutbürger” im Spätsommer noch wortreich unterstützt hatten, nur wenige Wochen später, als nicht nur die Blätter, sondern auch die (Stuttgarter) Bäume fielen, protestiere “die moderne Gesellschaft gegen sich selbst” (FAZ). In einer Demokratie wird das politische Geschehen idealerweise nun einmal nicht unmittelbar von Einzelinteressen und punktuellen Ausschlägen auf der bürgerlichen Erregungsskala bestimmt – auch wenn diese zweifelsohne die politische Ausrichtung einer Gesellschaft beeinflussen können. Im Kampf um tragfähige (Zukunfts-)Konzepte aber braucht es, allen Ängsten zum Trotz, den visionären Willen zur Veränderung. Konstruktiverweise sollte die Stimme des Volkes daher vor allem bei den Wahlen laut werden. “Auch Bürger tragen in einer Demokratie Verantwortung”, kritisierte DIE ZEIT und ging über zum Generalangriff auf die Vertreter des deutschen Volkszorns: “Mit ihrem kurzatmigen Hin und Her, mit ihrer leichten Entflammbarkeit mal für dieses, mal für jenes entziehen die Bürger der Politik auf Dauer den Boden – nur um deren Haltlosigkeit anschließend umso lauter zu beklagen.”

Sollten also im Zuge dieser “euphorischen Wutfestspiele” (DIE ZEIT) nur “spießiger Anwohnerwiderstand und partikuläre Interessenvertretung mit der Sorge um das Gemeinwohl” (Süddeutsche Zeitung) verwechselt worden sein? War das scheinbar so plötzlich aufgeflammte politische Engagement nur Hysterie und Lust am politischen (Party-)Event?

Die vielleicht stärkste Antriebskraft in Sachen Protestkultur war wohl die kollektiv empfundene soziale Ungerechtigkeit, die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich und die damit verbundene Angst, irgendwann auf der Verliererseite zu stehen. “Das Zeitalter der Ichlinge geht zuende”, frohlockte nichtsdestotrotz im September 2010 die Stiftung für Zukunftsfragen: “Die Krisenerfahrung verändert die Werteskala der Menschen – das Ich braucht das Wir.”

Wieviel “Wir” braucht der Mensch wirklich? Wie weit reicht die Solidarität des “Wutbürgers”? Bis zum Bauvorhaben vor der eigenen Haustür? Zur Theaterschließung in der eigenen Stadt? Bis nach Stuttgart? Nach Gorleben? Nach Haiti? Nach Japan? Nach Ägypten, Syrien und Libyen, wo Demonstranten seit Anfang des Jahres “fast schon eine Epidemie des Virus Demokratie ausgelöst” haben (Jörg Armbruster in den Tagesthemen vom 1. Februar 2011)? Dort und in Tunesien, Bahrain und im Jemen setzen Menschen für ihre Grundrechte, für politische Reformen ihr Leben aufs Spiel. Tag für Tag verfolgen wir nun die Meldungen über die revolutionären Massen, die sich im Namen der Freiheit den Machthabern, respektive der Polizei und/oder dem Militär entgegenstellen. Derweil wird bei uns die Frage nach der viel beschworenen Solidarität laut: Unterstützung der nordafrikanischen und arabischen Völker auf ihrem Weg zur Demokratie? Sanktionen gegen uneinsichtige Diktatoren? Militärische Intervention? Aber um welchen Preis? Und nicht zuletzt: für welchen Gewinn? Ja? Nein? Vielleicht?

Doch Solidarität lässt sich nicht geografisch verorten; sie führt uns direkt zur drängendsten Frage unserer Zeit: In welcher Gesellschaft möchten wir (heute und in Zukunft) leben? Welche Struktur, welche Rahmenbedingungen wollen wir ihr geben? Dass der derzeitige Status quo optimierbar ist, wird wohl niemand leugnen wollen. Die Debatten um Bildung und Integration, die Konsequenzen des demografischen und des Klimawandels: offene Baustellen, wohin man schaut.
Obwohl der Begriff der Nachhaltigkeit, sowohl in ökologischen als auch in ökonomischen Belangen, sowie in Fragen der (Aus-)Bildung und Integration, immer stärker ins Bewusstsein des Bürgers rückt, opfern wir ihn doch häufig der Angst vor Neuerungen, dem Festhalten an vermeintlich Bewährtem und nicht zuletzt der eigenen Bequemlichkeit.
Solidarität muss sich nicht zwangsläufig bei politischen Großprojekten zeigen, sondern ist womöglich einfach nur eine Frage des Interesses an den Menschen, die nicht im Zentrum unserer leistungsorientierten Gesellschaft stehen. Das Schauspiel Essen beschäftigt sich in der Spielzeit 2011/2012 mit dem Wiedererwachen einer längst eingeschlafen geglaubten Protestkultur, die trotz ihrer unbenommen existenziellen Anliegen immer wieder Gefahr läuft, zum (Medien-)Event zu verkommen. Mit den Möglichkeiten politischer Einflussnahme (nicht nur) innerhalb demokratisch geprägter Gesellschaften und der damit stetig einhergehenden Gefahr der Manipulation und Instrumentalisierung. Mit jenen “Augenblicken, wo man sich wundert über alle, die keine Axt ergreifen” (Max Frisch, Graf Öderland). Mit Frustration, Angst, Hysterie und Gewalt. Aber auch mit der vielversprechenden Chance, mit kreativem Potenzial, mit Geschichten aus der Vergangenheit und aus der Zukunft unserer Gesellschaft gegen die “Zukunftsvergessenheit” (Spiegel) unserer Zeit anzugehen. Denn, so der Soziologe Heinz Bude: “Die Frage der Politik (…) betrifft weder das Erlebnis von Handlungsfähigkeit noch das Wissen um eine bessere Welt, sondern die Frage, wie wir leben wollen. Darin steckt der Streit, der die Gesellschaft zusammenhält. Denn die Antwort darauf sagt immer auch, wie ich mich selbst verstehe. Es ist dieser Zusammenhang zwischen dem privaten und dem öffentlichen Glück, der die Leidenschaft zur Politik erklärt. Das Ich sucht den Kontakt zu einem Wir, mit dem es sich verbünden kann. Wer die Politik zu einem schmutzigen Geschäft erklärt, das einen nichts angeht, hat es aufgegeben, ein Leben mit Bedeutung zu führen.”

Vera Ring
Chefdramaturgin

Quellen:
Peter Kümmel: Spiele im Sturm, in: DIE ZEIT, 9.10.2010
Gerd Roellecke: Nur Müdigkeit wird den Protest beenden, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.11.2010
Matthias Krupa: Das erregte Land, in: DIE ZEIT, 21.10.2010
Johan Schloemann: Falsche Formel, in: Süddeutsche Zeitung, 25.11.2010
Dirk Kurbjuweit: Der Wutbürger, in: Der Spiegel 41/2010
Heinz Bude: Glück in der Politik, in: DIE ZEIT, 4.1.2005